Warum wir Fehler sofort sehen und das Gute übersehen

Lisa Holtmeier • 26. Januar 2026

Über Wohlwollen, vorschnelle Bewertungen und gesunde Kommunikation

Die meisten Menschen bleiben genau hier hängen.
Beim Fehler.
Beim einen roten Punkt im Meer aus richtig.

Und genau das sagt viel über unsere Kommunikationskultur aus.


Der Fokus auf Fehler – kein Charakterfehler, sondern ein menschliches Muster

Unser Gehirn ist nicht neutral. Es ist darauf trainiert, Abweichungen zu erkennen.

🧠 Psychologisch nennt man das den Negativity Bias:
Negative Informationen werden schneller wahrgenommen, stärker gewichtet und länger erinnert als positive.

Das war evolutionär sinnvoll.
Heute ist es kommunikativ oft zerstörerisch.

Denn was im Kopf passiert, zeigt sich im Gespräch.


Wenn aus einem Fehler ein Urteil wird

Was ich gerade sehr vermisse, ist Wohlwollen.
Den offenen Blick.
Das innere Innehalten, bevor wir sprechen – oder schreiben.

Stattdessen beobachte ich immer öfter:

  • Ein ungünstig formulierter Satz → komplette Charakteranalyse
  • Ein vergessenes Detail → Verdacht auf Absicht
  • Ein Fehler → Infragestellung von Haltung, Kompetenz oder politischer Einstellung

Und ja: Das passiert nicht nur „irgendwo da draußen“.

Sondern auch:

  • in Teams
  • in Führung
  • in Kommentarspalten von Menschen,
    die „stärkenorientierte Führung“,
    „gesunde Fehlerkultur“
    oder „wertschätzende Kommunikation“ im Profil stehen haben.


Gesunde Fehlerkultur zeigt sich nicht im Profil – sondern im Moment

Eine gesunde Fehlerkultur erkennt man nicht an Begriffen, sondern an Reaktionen.

👉 Wie reagieren wir, wenn etwas irritiert?
👉 Wie sprechen wir,
wenn wir uns ärgern?
👉 Was passiert,
wenn jemand nicht perfekt ist?

Fehlerfreundliche Kommunikation bedeutet nicht: „Alles ist egal.“

Sondern:

  • Fehler benennen ohne Abwertung
  • Nachfragen ohne Unterstellung
  • Kritik äußern ohne Zuschreibung


Der Unterschied zwischen Beobachtung und Bewertung

Ein Beispiel:

❌ „Also bisher mochte ich dich, aber das zeigt jetzt, wie du wirklich bist.“
✔ „Der Satz hat mich irritiert. Magst du sagen, wie du ihn gemeint hast?“

Der Unterschied ist klein –
und wirkt körperlich riesig.

Denn Bewertungen erzeugen Stress.
Nachfragen erzeugen Dialog.



Kommunikation wirkt auf die Gesundheit

Studien zeigen:
Menschen reagieren auf soziale Bewertung mit messbarem Stress –
erhöhter Cortisolspiegel, innere Anspannung, Rückzug.

Wohlwollende Kommunikation hingegen:

  • senkt Stress
  • erhöht psychologische Sicherheit
  • stärkt Bindung und Kooperation

👉 Gesundheit beginnt im Gespräch.
Nicht erst beim Arzt.
Sondern im Alltag.


Fehler UND Ressourcen sehen – beides gehört zusammen

Konstruktive Kommunikation bedeutet nicht, Fehler zu übersehen.
Sondern sie
einzubetten.

Ja, da ist etwas schiefgelaufen.
Und gleichzeitig:

  • Was lief gut?
  • Welche Absicht könnte dahintergestanden haben?
  • Welche Ressourcen sind trotzdem da?

Beides darf nebeneinander existieren.


Eine kleine Reflexionsfrage zum Schluss

Wenn dir etwas auffällt – ein Satz, ein Verhalten, ein Fehler:

👉 Was siehst du zuerst?
👉
Und was übersiehst du vielleicht gerade? Bei dir und bei anderen?

Wohlwollen ist keine Naivität.
Es ist eine bewusste Haltung.
Und sie verändert Gespräche und Menschen.

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